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Was ist Gestalttheorie

„Gestalttheorie ist eine fächerübergreifende allgemeine Theorie, die den Rahmen für unterschiedliche psychologische Erkenntnisse und deren Anwendung darstellt. Der Mensch wird dabei als offenes System verstanden; er steht aktiv in der Auseinandersetzung mit seiner Umwelt. Sie ist insbesondere ein Ansatz zum Verständnis der Entstehung von Ordnung im psychischen Geschehen und hat ihren Ursprung in den Erkenntnissen von Johann Wolfgang von Goethe, Ernst Mach und besonders Christian von Ehrenfels und den Forschungsarbeiten von Max Wertheimer, Wolfgang Köhler, Kurt Koffka und Kurt Lewin, die sich gegen die Elementenauffassung des Psychischen, den Assoziationismus, die behavoristische und triebtheoretische Sicht wandten.

 

Durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde die fruchtbare wissenschaftliche Entwicklung der Gestalttheorie im deutschen Sprachraum weitgehend unterbrochen: Wertheimer, Köhler und Lewin emigrierten oder wurden zur Flucht gezwungen, Koffka war schon vorher in die Vereinigten Staaten übergesiedelt.

 

Die Gesellschaft für Gestalttheorie und ihre Anwendungen sieht es als ihre Hauptaufgabe an, einen wissenschaftlichen und organisatorischen Rahmen für die Weiterarbeit und Weiterentwicklung gestalttheoretischer Ansätze in Forschung und Praxis zu bieten.

 

Gestalttheorie ist in diesem Sinn nicht nur auf den Begriff der Gestalt oder des Ganzen und die Gestaltfaktoren der Wahrnehmung beschränkt, wie viele Publikationen nahelegen, sondern wesentlich breiter und umfassender zu verstehen:

 

  • Der Primat des Phänomenalen: Die Erlebniswelt des Menschen als einzige unmittelbar gegebene Wirklichkeit anzuerkennen und ernst zu nehmen und diese nicht wegzudiskutieren, ist eine Grundaussage der Gestalttheorie, deren Fruchtbarkeit für Psychologie und Psychotherapie noch keineswegs ausgeschöpft ist.
  • Die Interaktion von Individuum und Situation im Sinne eines dynamischen Feldes bestimmen Erleben und Verhalten und nicht allein "Triebe" (Psychoanalyse, Ethologie) oder außenliegende Kräfte (Behaviorismus, Skinner) oder feststehende Persönlichkeitseigenschaften (klassische Persönlichkeitstheorie).
  • Verbindungen psychischer Sachverhalte werden leichter und dauerhafter aufgrund sachlicher Beziehungen gestiftet und weniger gut durch Wiederholung und Bekräftigung.
  • Denken und Problemlösen sind durch sach- und gegenstandsangemessene Strukturierung, Umstrukturierung und Zentrierung des Gegebenen ("Einsicht") in Richtung auf das Geforderte gekennzeichnet.
  • Im Gedächtnis werden Strukturen aufgrund assoziativer Verknüpfungen ausgebildet und differenziert. Sie folgen einer Tendenz zu optimaler Organisation.
  • Nicht miteinander vereinbare Kognitionen einer Person führen zu dissonantem Erleben und zu kognitiven Prozessen, die diese Dissonanz zu reduzieren versuchen.
  • In einem überindividuellen Ganzen wie einer Gruppe besteht eine Tendenz zu ausgezeichneten Verhältnissen im Wechselspiel der Kräfte und Bedürfnisse.

 

Erkenntnistheoretisch entspricht dem gestalttheoretischen Ansatz ein kritisch-realistischer Standpunkt. Auf der methodischen Ebene wird eine sinnvolle Verbindung von experimentellem mit phänomenologischem Vorgehen (experimentell-phänomenologische Methode) versucht. Zentrale Phänomene werden ohne Verzicht auf experimentelle Strenge angegangen. Gestalttheorie ist nicht als fixierte wissenschaftliche Position zu verstehen, sondern als ein sich weiter entwickelndes Paradigma. Durch Entwicklungen wie die der Theorie der Selbstorganisation von Systemen gewinnt sie auch über den herkömmlichen Rahmen der Psychologie hinaus an Bedeutung.“

(Auszug aus www.gestalttheory.net)